
Andreas Amrhein
Interview in
“Suddenly everywhere was the same place”
Hrsg. C&K Galerie Berlin 2014
Aus einem Gespräch zwischen Christiane Bühling und Andreas Amrhein am 19.11.2013 im Atelier des Künstlers
Ch.B.: Andreas, wir kennen uns seit ca.20 Jahren. Damals, Mitte der 90-er Jahre, hast Du Dich ausschließlich mit Arbeiten auf Papier beschäftigt. Ich erinnere mich an Zeichnungen mit expressivem Formenvokabular, aber auch an zahlreiche Radierungen. Dann hast Du Dich als Maler der Leinwand zugewandt, 2005 hielt die Porzellanfigur in ihrer Dreidimensionalität Einzug in Deine Malerei. Aktuell gibt es wieder einen umfangreichen Zyklus von Arbeiten auf Papier neben ganz neuen Leinwandarbeiten.
Hast Du für Dich eine neue Balance zwischen diesen beiden Strängen gefunden? Worin bestehen für Dich die Unterschiede im Umgang mit Leinwand und Papier? Wie gestaltete sich diese Entwicklung für Dich und wie beurteilst Du sie?
A.A.: Ich habe mich ja immer als Zeichner begriffen und war selbst überrascht, wie sehr sich eine Begeisterung für die Malerei in den letzten, sagen wir, 15 Jahren breit gemacht hat. Höhepunkt dieser Entwicklung waren vielleicht die großen Leinwände mit den super-realistischen Porzellanfiguren. Außerdem hatte ich mir angewöhnt, eher konzeptionell und in Werkblöcken zu arbeiten – da gab es die Traktoren, die Edelweißbilder, die Porzellanfigurenbilder, die alle Filmtitel hatten, dann die Rapper. In jüngerer Zeit hat sich eine gewisse Sehnsucht eingestellt, diese etwas starren Vorgaben aufzubrechen und an die Werke aus den späten Neunzigern anzuknüpfen, in denen noch sehr viel Zeichnerisches und eine gewisse Leichtigkeit steckte.
Und Papier hat sich als leichtes Medium sehr angeboten – die Leinwand hat ja demgegenüber immer so etwas „Staatstragendes“…
Ch.B.: Auch, was das Formen- und Bildvokabular Deiner aktuellen Arbeiten anbetrifft, habe ich das Gefühl, dass sich hier altes Vertrautes mit Neuem zusammenfügt. Deine Arbeiten sind in der Bildkomposition wieder vielschichtiger geworden. Mir scheint, dass Du sowohl Deinen gesamten Fundus an malerischen und zeichnerischen Varianten als auch Deine verschiedensten zeichenhaften Topoi der letzten Jahrzehnte auf den Plan bringst. Wie siehst Du das? War das eine bewusste Entscheidung?
A.A.: Ja, ich empfinde die neuen Arbeiten als frischen Mix aus den Erfahrungen der letzten Jahre mit realistischer Malerei und diesem alten, spielerischen Ansatz. Die Arbeiten sind freier geworden und das war in der Tat eine bewusste Überlegung, mir wieder eine neue „Bewegungsfreiheit“ zu verschaffen. Und einige der alten Motive, wie z.B. den Stabspringer(„The far too simple beauty of the promises we make“) mag ich immer noch sehr.
Ch.B.: Schauen wir uns die in diesem Jahr entstandene Arbeit „I Wanted Wings“ einmal genauer an und die vielen Zeichen, Fundstücke und Klischees, die sich auf diesem Bild tummeln.
Die Porzellanfigur des Priesters, der Colt, das Element der Schrift, die fliegende Untertasse oder was auch immer das darstellen soll, alles platziert in eine Landschaft. Du heizt uns ganz schön ein mit dieser bizarren Zusammenstellung. Wie kommst Du zu dieser Ansammlung von nicht zusammen gehörenden irritierenden Elementen? Spielt Biografisches, Erinnerungen dabei eine Rolle?
A.A.: Ich halte „I Wanted Wings“ für ein Schlüsselbild für diese neue Entwicklung: zum einen mochte ich nicht auf die malerische Perfektion der Porzellanfigur verzichten, zum anderen aber auch dieses erzählerische Element und auch ein wenig Rätselhaftes mit hineinbringen, denn Bilder, die sich lückenlos aufschlüsseln lassen, verlieren ihren Reiz. Und Schrift ist ja auch ein Stilmittel, das ich schon früher häufig eingesetzt hatte. Nun kommt eine ganz andere Dynamik und Wucht in das Bild, als wenn die Figur „nur so“ in der Landschaft stünde.
Und besonderes Vergnügen bereitet mir dann dieses „Ding“, in dem Du eine fliegende Untertasse siehst. Das ist freilich viel profanerem Ursprungs – es ist nämlich die stilisierte Form eines „Hotpots“ den ich von einer chinesischen Essstäbchenpackung habe. Passt genauso wenig, wie Dein „UFO“ und insofern ging Dein Gedanke schon in die richtige Richtung – ich wollte genau diese Irritation. In diesem Falle ist es eine Erinnerung aus der Zeit, die ich in China verbracht habe und so mischt sich freie Komposition schon mit Autobiografischem. Ich vermenge bewusst Widersprüchliches miteinander und versuche es zu einem neuen Bild zu verweben, denn heute hat ja im Grunde alles mit allem zu tun.
Und man findet alles überall. In den Neunzigern hat der Musiker Pete Townshend von „The Who“ eine Platte herausgebracht, die hieß „All the best Cowboys have Chinese Eyes“ – da ist ja eigentlich schon alles drin: der Wilde Westen entspricht gar nicht mehr dem Bild, das wir von ihm haben – und Asiaten (oder deren Nachfahren) gewinnen heute die Rodeos.
Ich habe mich auch vor dem Hintergrund dieser Gedanken für den Titel „Suddenly everywhere was the same place“ entschieden. Natürlich ist nicht überall alles gleich, aber wenn ich will, kann ich die Welt bereisen und überall das Gleiche erleben. Ich finde mich in Peking zurecht, wie in Paris oder Portland. Dieselben Flughäfen, dieselben Waren, dieselben Kaffeeketten…und unser Plastikmüll wird am anderen Ende der Welt an Land gespült.
Ch. B.: Nicht nur das figurative Bildvokabular ist vielschichtig, sondern auch die Palette Deiner künstlerischen Ausdrucksweisen. Schroffe gestische Pinselstriche wechseln sich ab mit zarten Linien, aquarellhafte Flächigkeit mit minutiös detailgenauer Malerei. Hast Du einen Bildaufbau im Kopf? Wie setzt Du diese unterschiedlichen Techniken zusammen?
A.A.: Am Anfang weiss ich noch nicht, wohin die Reise geht. Aber in gewisser Weise langweilt mich bei meinen eigenen Arbeiten die Homogenität – NUR Aquarell oder NUR Zeichnung würde mir nicht reichen. Für mich ist die Spannung wichtig, die Spannung zwischen den unterschiedlichen Techniken und bildnerischen Qualitäten. Die Herausforderung besteht für mich darin, am Ende ein „harmonisches Ganzes“ herzustellen, d.h. ein Werk, das meinem inneren Bild entspricht, quasi meine Weltsicht spiegelt.
Zu Beginn schütte ich oft verdünnte Farbe auf den Bildgrund, überlasse erst einmal Einiges dem Zufall und arbeite mich dann „schichtweise“ weiter. So entstehen die verschiedenen Ebenen und ich entscheide intuitiv, welche Figuren, Zeichen, Schriften oder Symbole ich kombiniere.
Ch.B.: In den meisten Deiner Arbeiten finden sich Provokation und Ironie. „Eironeia“ bedeutet ursprünglich Verstellung, Vortäuschung. Welche Bedeutung hat für Dich Ironie in Deiner Kunst?
A.A.: Subtile Ironie spielt immer eine wichtige Rolle bei der Auswahl und der Kombination meiner Bildgegenstände. Das kann mal dramatische Formen annehmen, wie in „I Wanted Wings“, wo der große Colt eine dominierende Rolle spielt oder verspielter, wie in den Comicfiguren oder dem winzigen Catcher, der versucht, die Herkulesfigur („It´s not over ´til it´s over“,S.:…) zu bedrohen. Bei dem Versuch, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist, kann man entweder eine zynische Haltung einnehmen, oder eine ironische – was mir die angenehmere, heiterere Variante zu sein scheint. Aber sie ist im Grunde auch eine Art „Notwehr“, den Widrigkeiten zum Trotz.
Ch.B.: Zwei Deiner Ausstellungen vor Jahren hatten die Titel „Wahre Werte“ und „Grosses Kino“, auch diese waren ironische Brechungen Deiner Arbeiten. Die Serie „Grosses Kino“ beinhaltet die ersten Bilder mit Porzellanfiguren, die Du mit Filmklassikern betitelt hast. Das Klischee hielt in doppelter Weise Einzug. Benutzt Du das Klischee bewusst, um uns den Spiegel vorzuhalten? Und worin bestehen am Ende die „Wahren Werte“?
A.A.: Ja, das mit dem „Großen Kino“ war schön doppelbödig, das hat mir viel Spaß gemacht. Was die „Wahren Werte“ betrifft, so kann man da meiner Ansicht nach nicht zu verbissen ernst ´rangehen. Ich habe mir damals einen Spaß daraus gemacht, profane Dinge zu malen und das Ensemble mit „Wahre Werte“ zu betiteln: Traktoren, Enzian & Edelweiß-Bouquets, usw.
Das will nicht heißen, dass es nicht wirklich die wahren Werte gäbe, wie Glaube, Liebe, Hoffnung, etc. – aber dazu würde ich mich ernsthaft in meiner Kunst nicht äußern wollen.
Ch.B.: Bisher hast Du die Porzellanfiguren eins zu eins wie in der Wirklichkeit vorhanden gemalt. Bei einigen der jetzt entstandenen Papierarbeiten gibt es eine neue Entwicklung. In den Arbeiten „The Thief of Sadness“, „The Forgotten Prince/Princess“ bekommen die Menschen jetzt Tierköpfe; Storch, Hirsch, Reh. D.h. Du fängst an, das tatsächlich vorhandene Porzellan in Deiner Kunst zu verändern. Wie kam es zu dieser Weiterentwicklung und welche Absicht steckt dahinter?
A.A.:Mit den Porzellanfiguren beschäftige ich mich ja schon seit etwa 2005. Am Anfang habe ich mich nur gewundert, was es alles gibt: viele sehr kuriose historische Modelle, viel Barock und Rokoko natürlich. Aber selbst in der Sowjetunion oder im China der Kulturrevolution hat man dieser „bourgeoisen Form“ gehuldigt und – freilich revolutionäre – Porzellanfiguren hergestellt. In Peking habe ich extra danach gesucht. Das alles zu zeigen, hat mir zunächst gereicht, dann habe ich in der Folge die Bildzusammenhänge verändert, also die Figur aus ihrer „natürlichen Umgebung“ geworfen. Aber es heißt ja so treffend: „der Überdruss ist unsere Zensur“. Beim Nachdenken darüber, was ich noch verändern könnte, kam ich auf die Idee, menschliche Figuren mit Tierköpfen auszustatten. Ich schaffe nun sozusagen auf dem Bildgrund – in diesem Falle Büttenpapier – aus zwei verschiedenen vorhandenen Figuren eine andere.
Ch.B.: Besonders in diesen aktuellen Arbeiten spürt man, dass Du keinem einheitlichen Erzählstrang folgst. Spielt die jüngere Entwicklung unserer Welt dabei für Dich eine Rolle? Ist dieser Mix, der in viele Facetten aufsplittert, auch ein Bild für unsere zerrissene Welt, der die Ganzheit fehlt?
A.A.:Ich finde schon, dass wir in einer sehr „zersplitterten Welt“ leben und – wie Du schon sagst – es fehlt Ganzheit. Es gibt – genauso wenig, wie den einen „wahren Wert“ – die eine Wahrheit und schon gar nicht das eine endgültige Bild, sondern eben viele Möglichkeiten, viele Wahrheiten, viele Bilder. Dem versuche ich, mit diesem Mix Rechnung zu tragen.
Mit dem Mix und der lockeren Folge von Werken, in denen ich ein Thema quasi umkreise und das Thema ist tatsächlich mehr oder weniger diese „zersplitterte Welt“, aus der ich mir ironisch-kritisch mal diesen Aspekt, mal jenen heraussuche. Ich picke mir bewusst etwas aus der allgemeinen Bilderflut heraus, arbeite damit aber anachronistisch-langsam. Ich montiere die Motive nicht vorher am Computer und probiere nicht mit einigen Mausklicks aus, welche Version die beste sein könnte, sondern lasse das Werk sich langsam entwickeln. Lasse die Farbpfützen trocknen, übermale und bin mir stets bewusst, dass diese oder jene Farb- oder Formentscheidung nicht der Weisheit letzter Schluss sein muss, lasse aber natürlich meine ganze Erfahrung und Intuition einfließen und finde diese Mischung absolut zeitgemäß. Und dieses Arbeiten – als Gegenentwurf zum „Optimierten“- bei dem ich dem Zufall Raum lasse – ist in gewisser Weise ein kleines Abenteuer und für mich dann doch tatsächlich so etwas wie ein „wahrer Wert“.
Ch. B.: Abschließend kann ich sagen, dass sich für uns als Betrachter Deiner Arbeiten die Frage nach den „wahren Werten“ natürlich auch stellt. Du machst uns mit Deiner Bildwelt ein Angebot, sie in der Kunst zu suchen und zu finden. Auf die Fragen, die sich uns tagtäglich stellen, z.B.: Wie gehen wir mit der enormen Bilderflut um, die auf uns einströmt? Wie gehen wir mit den scheinbar unendlichen Möglichkeiten und Angeboten unserer Lebenswelt um?, begegnet uns für einen Moment im Bild die Auflösung des Widerspruchs von Ideal und Wirklichkeit. Thomas Mann bezeichnet „die Ironie als heitere Ambiguität“, das trifft für mich auch den Kern Deiner Arbeiten, den wahren Wert.