
Die haben einen Vogel
– Die Vogelmänner von Istanbul –
Jubiläumsausstellung von Christiane Bühling
u. a. mit Norbert. Bisky, Cornelia Schleime
Hrsg.: Christiane Bühling-Schultz Berlin 2019
Die Vogelmänner von Istanbul oder:
Die Ambivalenz von Utopie, Poesie und Freiheit
Auf meinem Schreibtischstapel liegt noch immer ein altes ZEIT MAGAZIN (Nr. 49, 3.12.2015) mit der schönen Cate Blanchett auf dem Cover -„Ich weiß nicht, wer ich bin“ der Untertitel dazu. Wer weiß das schon, frage ich mich. Insbesondere die Künstler sind diejenigen, die die Welt immer wieder in Frage stellen, an ihr zweifeln, ihre Ambivalenzen und Zwischentöne aufspüren, ohne sie erklären zu wollen. Wir können die Welt nie endgültig verstehen, viel mehr besteht die Lebenskunst darin, Widersprüchliches miteinander bestehen zu lassen.
Vielleicht wissen auch die Vogelmänner von Istanbul nicht, wer sie sind, doch sie haben eine Vision. Im genannten Heft stolperte ich vor einigen Jahren über einen Bericht von Tillmann Prüfer mit dem Titel „Die haben einen Vogel“. Die veröffentlichte Fotostrecke ist einem Fotoprojekt von Cemre Yeşil und Maria Sturm entnommen, die die sogenannten Vogelmänner in Istanbul beobachtet hatten. Sie fotografierten die Gesichter dieser Männer, die Orte, wo die Männer die Vögel fingen, die besonderen Käfige, in denen sie lebten. Vielen weiteren Spuren gingen sie nach, die ihre Passion in ihrem Leben mit den Vögeln hinterließ. Der Artikel berichtet von einer alten Tradition, die einst von den Griechen übernommen wurde. Männer treffen sich mit ihren verhüllten Vogelkäfigen in ausgewählten Cafés der Stadt und lassen ihre kostbaren Singvögel in einen Gesangswettbewerb treten. Stieglitze, Grünfinken u. a. fangen sie zuvor in der Natur. Diese Tradition ist nun vom Aussterben bedroht. Die Fotos von den liebevoll improvisierten Vogelkäfigen, den Tattoos der Vögel auf den Armen ihrer Besitzer und die ernsten Gesichter der Männer berührten mich und waren der Grund, diese Ausgabe des ZEIT MAGAZINS aufzubewahren. Ich hatte dabei immer im Hinterkopf, diese Geschichte einmal als Aufhänger für eine Ausstellung zu nehmen. Als ich im Frühjahr dieses Jahres begann, mich mit dem bevorstehenden Jubiläum meiner 30jährigen Tätigkeit als Galeristin zu befassen, nahm ich das Heft erneut zur Hand.
Der Text von Tillmann Prüfer nimmt bereits voraus, dass Feministinnen und Tierschützer sich schnell in Stellung bringen können, um diesen Brauch zu verurteilen. Ihre Argumente, die der Redakteur gar nicht explizit nennen muss, liegen auf der Hand: Tiere in Käfige zu sperren, Vögel zu fangen, Zusammenkünfte nur unter Männern, das geht im 21. Jahrhundert eigentlich alles gar nicht mehr. Mir wurde dabei bewusst, wie schnell wir in unseren Vorverurteilungen sind, sei es in den Medien oder im persönlichen Umfeld. Ich bestellte mir das kleine Buch der beiden Fotografinnen, das im Englischen „For Birds‘ Sake“ heißt, den Vögeln zuliebe. In diesem Originaltitel klingt eine sehr positive und dieser Tradition zugewandte Seite an, die mir spontan gefiel. Ja, diese Männer lieben ihre Vögel, hegen und pflegen sie, verehren ihre Gesangskünste. Die soziale Komponente, für eine gemeinsame Leidenschaft zusammenzukommen, erscheint mir ebenso ein wichtiger Aspekt, selbst wenn bei den Gesangswettbewerben ein Konkurrenzverhältnis untereinander herrscht. Auf den Fotos schauen die gegerbten Männergesichter sehr ernsthaft und melancholisch, keinesfalls wie Gierige auf der Jagd nach schneller Beute. Sie tun alle etwas Verbotenes, denn die Vogeljagd ist auch in der Türkei nicht erlaubt.
Als ich versuchte, genauer zu fassen, weshalb mich diese kleine Geschichte nicht losließ, ergaben sich übergeordnete Fragen, die mich in unserer komplexen und in ständigem Wandel begriffenen Welt beschäftigen: Was bedeuten uns Traditionen? Was ist für uns wert, bewahrt zu werden? Was und warum ist etwas nicht mehr zeitgemäß? Welche kulturell unterschiedlich geprägten Traditionen gibt es, die möglicherweise in einer Kultur geschätzt werden, in einer anderen jedoch auf Verachtung stoßen? Wie steht es mit unseren Leidenschaften und Träumen? Haben wir noch Zeit und Muße, uns ihnen hinzugeben? Wie steht es mit vorschnellen moralischen Kategorisierungen und Urteilen? Hören wir uns noch an, was der Andere zu sagen hat? Wie blockiert sind wir durch ein Schwarz-Weiß- Denken, das uns verschließt und ein Miteinander und Kompromisse unmöglich macht?
In einer E-Mail-Korrespondenz brachte es Matthias Stuchtey ganz wunderbar auf den Punkt: „Es ist leicht und auch richtig, diese Vogelmännerkultur zu kritisieren. Doch zugleich ist so viel wunderbare Ambivalenz darin, sind so viele Freiheitsträume und so viel Eingesperrtsein darin, Weiches und Hartes, Sehnsüchtiges und Irdisches.“ (1)
Mit dem Artikel des ZEIT MAGAZINS und den Fragen, die sich für mich ergeben hatten, trat ich an Künstlerinnen und Künstler heran, die mich in den vergangenen 30 Jahren begleitet haben. (Natürlich sind es viel mehr als diese 23, doch der Galerieraum für die Ausstellung erforderte ein Maßhalten.) Ich bat sie um eine Arbeit, die sich in direkter oder offener Weise mit dem Thema der Vogelmänner beschäftigt.
Bereits die ersten spontanen Reaktionen auf mein Anliegen freuten mich sehr. Franziska Reinbothe, die ich von allen Beteiligten am kürzesten kenne, schrieb mir, dass sie vor allem der Moment des Verhüllens (der Käfige) interessiert habe. „Das Kostbare wird geborgen und verborgen gehalten und nur zu besonderen Anlässen offenbart.“ (2). Noch bevor ich ihre Arbeit mit rosa Chiffon sah, der sich sanft bei jedem Luftzug bewegt, brachte sie mit ihren Worten eine weitere Dimension in mein Nachdenken. Der Zeitgeist weht in eine andere Richtung, nämlich in die des Preisgebens aller Geheimnisse, dabei wird auf Social Media Kanälen das Intimste nach Außen gestülpt. Die Neugierde auf das nicht permanent Verfügbare und Sichtbare, die Spannung des langsamen Entdeckens bleiben dabei auf der Strecke. Im Übrigen verhüllen die Vogelmänner ihre Käfige, um die Vögel vor Stress zu schützen. Wären sie zu sehr dem Istanbuler Metropolentreiben ausgesetzt, schadete dies ihrer Stimme. In der puristischen Komposition Reinbothes, in der sich Weiches und Sperriges zugleich behauptet, drückt sich die Suche nach neuen Möglichkeiten eines Bildes aus. Das klassische Medium einer auf Keilrahmen aufgezogenen Leinwand unterzieht sie einer konsequenten Neubestimmung, es ist der pure unbespannte Keilrahmen, der sich hinter dem Stoff verbirgt.
Ebenso begeisterten mich die Zeilen von Matthias Stuchtey, der sofort die Poesie in diesem Brauch entdeckte. Sie ist für mich persönlich ein wichtiger Teilaspekt der Kunst und der Welterkundung, die zunehmend an Bedeutung verliert. Die leisen und zarten Töne haben es schwer in unserer Zeit. Stuchtey sah unter dem ledrigen Äußeren in den Gesichtern der Vogelmänner spontan die Seele eines Kindes und wählte eine Arbeit aus, die er zu Ehren seines Vaters, einem Bildhauer und Restaurator gemacht hatte. Mögen die Holzelemente vermeintlich Vogelhäuschen ähneln, ist jedoch das eigentliche Thema der Arbeit die Fehlstelle, die Abweichung, das nicht Perfekte, das Zusammenführen unterschiedlicher Holzmaterialien zu einem gelebten Ganzen. Das alte Möbel, das er für diese Arbeit verwendet, rettete er vor dem Sperrmüll. Er führt es in einem Transformationsprozess einer neuen Bestimmung zu, wobei die gespeicherten Erinnerungen und Erlebnisse subtil mitschwingen.
Der spanische Künstler Amador erzählte mir, dass ihn meine Anfrage während einer Griechenlandreise erreichte. Er hatte gerade eine byzantinische Kirche in Monemvasia besucht – einem magischen Ort, wie er ihn bezeichnete – und war dort von einer alten Wandmalerei mit Vögeln, Ziegen und Ornamenten in den Bann gezogen worden. Als er meine Nachricht las, hatte er dieses Bild vor Augen und schuf in mediterraner Farbigkeit mit dem opaken Material des Kunstharzes eine Vogelfigur, die als Metapher für Traum und Hoffnung sowohl an ausgebreitete Engelsflügel als auch an einen Vogelmenschen denken lässt. Der Mittelmeerraum als Ort ständigen Austauschs unterschiedlicher Kulturen, sei es in Form von kriegerischen Auseinandersetzungen, sei es in Form von gegenseitiger Befruchtung und Übernahme von Traditionen, spielte nicht nur in der Vergangenheit eine Rolle.
Meine Freude und mein Respekt wuchsen, als mich Woche für Woche Abbildungen von entstandenen Arbeiten erreichten. (Nur in Ausnahmefällen, z. B. wegen Krankheit oder Arbeitsüberlastung griffen wir auf vorhandene Arbeiten zurück.) So wie ich es mir gewünscht hatte, entstanden die unterschiedlichsten künstlerischen Annäherungen an das Thema. In ihrer Diversität sind sie Zeichen dafür, wie vielschichtig die Welt gesehen und erfasst wird und welcher Reichtum an Denkanstößen und Sichtweisen in der Kunst liegt. So fügte sich ein Vielklang zusammen aus unterschiedlichsten und in sich ambivalenten Stimmen, die sich gegen jede Form von Schubladendenken verwehrten.
Den holländischen Maler Jan Wattjes inspirierten die Vögel zu einer Abstraktion der Lebensfreude. Hatte ich doch seine letzte Bildreihe des White Cube von Galerien im Kopf, in der er streng minimalistisch und nur in Weiß-Grau-und Schwarztönen malte, so schien ihn das Thema der Vogelmänner farblich und kompositorisch in eine ganz neue Richtung zu führen. Die Formen der vielfach übereinander gemalten Farbschichten und die frischen Frühlingsfarben übertragen etwas Kindliches und Unmittelbares. Es wird nicht zu erklären versucht, sondern spielerische Freude und wohltuende Farbklänge kommen zum Ausdruck. Der weiße Hintergrund bildet die Basis für einen freien Raum, in dem die Welt ganz unbefangen und neu gedacht werden kann. Vielleicht ist die Komposition die Visualisierung eines Vogelgezwitschers, dem wir uns so intensiv hingeben, dass die Wirklichkeit für einen Moment ausgeblendet ist.
Axel Anklams Skulptur steht im Spannungsfeld von Durchlässigkeit und Geschlossenheit, Dynamik und Ruhe sowie von Schwere und Leichtigkeit, wobei die Antipoden zu einem harmonischen Gefüge ausbalanciert werden. Der weiße Formenkörper mit seinen Edelstahlkonturen impliziert trotz seiner Verweigerung einer Narration die Anmutung eines abstrakten Vogels oder Flugkörpers; die flügelartigen Seitenflächen sind mit ihren Spitzen nach oben gerichtet. In seiner auf Urformen reduzierten Formensprache und dem Rückgriff auf universale Gesetze der Statik und Harmonielehre bekennt sich Anklam zur Tradition und bricht sie mit dem zeitgenössischen Material des Kunststoffs. Kunst und Leben unter der Frage, nach dem was bleibt zu reflektieren, ist sein Beitrag zum Thema.
Mit barocker überbordender Lebenslust und einem Bekenntnis zum Ornamentalen bricht Sonja Alhäuser in ihrer Arbeit eine Lanze für die Sinnlichkeit in der Kunst und im Leben und damit indirekt für die Vogelmänner und ihre Leidenschaft. Wie selbstverständlich und sich gegenseitig bedingend gehört Antagonistisches in diesem Kosmos zusammen: die Monster und die Engel, Smileys aus der Bildsprache der Emojis und Fratzen, zu Arabesken werdende Vogelköpfe. In dieser Bildwelt tobt das Leben, und die Grenzen zwischen Himmel und Hölle sind im Paradies der Kunst aufgelöst. Zwei bärtige Nackte entleeren sich am unteren Bildrand, auch dafür ist Raum. Die Vogelmänner als schamlose Boten des puren Lebens?
Häufig inspiriert von Naturordnungen nimmt Angelika Arendt zahlreiche und unterschiedlichste Formen hieraus, um sie mit amorphen oder ornamentalen Elementen in einer kompositorischen Balance zwischen Abstraktion und Figuration zu verbinden. Eine paradiesisch anmutende Landschaft mit einer Stadt auf dem Felsen evoziert eine intakte Natur, in der die Vogelmänner möglicherweise unterwegs für ihre Fänge sind. Oder die Gesänge der Vögel geben eine Ahnung von der Schönheit und Vielgestaltigkeit. Es ist und bleibt eine Herausforderung, die Natur zu ehren und zu bewahren, sie in all ihrem Facettenreichtum wahrzunehmen. Arendts Arbeit ist ein utopischer Entwurf, von dem man sich träumend davontragen lassen kann. Gleichermaßen gilt sie als Anregung für ein kritisches Hinterfragen unseres Umgangs mit der Umwelt.
Ebenso wuchert und mäandert es in der Kaltnadelradierung von Michael Kalmbach. Die Vogelmänner lässt er aus wolkenartigen Formationen wachsen wie in einem eigenwilligen Schöpfungsprozess. Er legt seinen Akzent auf die Unvollkommenheiten des Menschen, Köpfe spalten sich in der Mitte, ein Einäugiger schaut uns an. Die zarte Anmutung der Linien und der Kolorierung brechen dieses zwischen Traum- und Alptraum changierende Menetekel. Es vermittelt sich eine doppelbödige poetische Arbeit, die uns gleichermaßen irritiert und besänftigt.
Nadja Schöllhammer begibt sich in ihrem Cut-Out an die Grenze zwischen Lust und Gewalt, Zartem und Brachialem. Magazinfragmenten, die in sich schon Träger einer bestimmten Sichtweise von Vorgängen der Welt sind, rückt sie mit Skalpell und Heißkleber zu Leibe und transformiert sie in ein dichtes Netzwerk von Linien und Strukturen. Der Kampf zwischen Mann und Frau, deren Gesichter zu Fratzen verzerrt werden, spielt sich zwischen Zerbrechlichkeit und Zerstörung ab. Wie in einem 11. Gebot soll der Mann zur Strafe nicht mehr sehen, eine schwarze Fläche ersetzt seine Augenpartie. Vielleicht hat er seine Macht missbraucht, vielleicht ist er nicht in der Lage, die Frau als ebenbürtig anzusehen. Die Liebe nicht nur in ihrer Schönheit, sondern auch in ihren Besitzansprüchen zu beleuchten, könnte eine Fragestellung sein, die auch für die Vogelmänner–Diskussion relevant ist. Neigt der Mensch nicht dazu, sich das, was er liebt, auch einverleiben zu wollen?
Einen gekonnten Spannungsbogen in seiner Arbeit „Umschwärmt“ hält auch Helge Leiberg, wobei die Dramatik aus einem impulsiven Pinselstrich des Malers entsteht. Figuren und Vogel definieren sich aus der Bewegung, einer Form von Vitalität, die nicht nur Gutes verheißt. Eine Frau zwischen zwei Männern und einem schwarzen Vogel, die Liebe ist nicht so einfach wie sie es in dem sinnlichen Ausdruck des Frauenkörpers verheißt. Tanz, Gesang und Verführung sind Ausdruck einer menschlichen Sehnsucht, wobei von Erfüllung und Enttäuschung zugleich berichtet wird.
Ganz musikalisch geht es bei Filip Zorzor zu, der in seinem abstrakten Bildgeflecht eine Partitur des Zirpens komponiert. Er lässt ein komplexes Gebilde entstehen, in dem über eine sanfte Stimmung in Aquarellmanier von oben vertikale schwarze Linien verlaufen, als bekäme die Idylle Risse. Der frühlingshafte Gesang wird von Dissonanzen durchbrochen. Als der Künstler die Arbeit brachte, zeigte er mir ein Skizzenblatt mit der Bemerkung, er musste sich zunächst die Form eines Vogels zeichnerisch vergegenwärtigen. Diese fast kindliche, auf wenige Striche reduzierte Zeichnung, nahm ich spontan hinzu. Dabei tauchen Teile dieses Vogelkörpers als abstrakte schwarze Formengebilde in der Leinwand auf.
Einen reinen Farbklang lässt Roger Wardin aus Farbschüttungen, Übermalungen und Verwischungen entstehen, der ihn komplett auf einen konkreten Bildgegenstand verzichten lässt. Er konzentriert sich ganz auf die Farbe als Bildthema. Der doppeldeutige Titel „Lark“, der zum einen „Spaß“ und zum anderen „Lerche“ bedeutet, verweist auf den positiven Aspekt des Sängerwettstreits. Aus einem schwarzen Grund heraus wachsen die Farbwolken und Verläufe nach oben in eine lichtere Weite. Mögen es die Gesänge oder das Fliegen selbst sein, offene Horizonte als Weg sind zumindest im Bild möglich.
Dem Experiment der Malerei als ihr eigentliches Thema hat sichebenso Jan Muche verschrieben, liegt ihm doch Poetisches, Sinnstiftendes oder Narratives fern. So nannte er mir den Titel seiner Arbeit mit einem mehr als verschmitztem Lachen: „Gelbsteißbülbül“. Er hatte bereits an der lautmalerischen Bezeichnung dieser Vogelart, die vornehmlich in Vorderasien und der Türkei beheimatet ist, seine wahre Freude. Irgendetwas Nachdenkliches oder Moralisches will Muche zum Thema nicht beisteuern. Er verlegt den Gelbsteißbülbül wie eine kompositorische Erfindung in die grafischen Strukturen und Farbfeldtexturen seiner Malerei, wobei das Lineare im Hintergrund durch beschwingte runde Linienführungen gebrochen wird. Ein bisschen wirkt der Vogel, als wäre ihm in dem käfigartigen Raster die Lust zu singen vergangen.
Niels Sievers macht den Himmel als Element der Vögel und als Projektionsfläche für Träume zum Sujet. Wie in seinen Landschaftsbildern schafft er einen malerischen Kosmos, der den Betrachter einlädt, eine Zwischenwelt zu betreten, die ihn fern von Romantik, in einen inneren Raum eintreten lässt. Er setzt dabei in einer Mischung aus Abstraktion und Figuration auf Reduktion, um es dem Betrachter in Zeiten von medialen Bilderfluten zu ermöglichen, sich ganz auf das Wesentliche zu konzentrieren. Formal verbindet er Tradition und Moderne miteinander; die weißen Wölkchen eines altmeisterlich anmutenden Malerhimmels kontrastiert er mit einer schroffen dunklen gestischen Farbfläche. Sanftes und Aggressives, Dunkles und Helles können im Bild nicht nur gemeinsam bestehen, sondern verknüpfen sich zu einem neuen Ganzen.
Mit einem gehörigen Schuss Humor geht Andreas Amrhein vor, der sich mittels des Kitschcharakters von Porzellanobjekten ironisch unseren romantisch-verklärten Träumereien nähert. Die KPM-Figur eines Janitscharen, dem Angehörigen der Elitetruppe des osmanischen Heeres, versieht er mit einem Nymphenburger Vogelkopf. Sein Sampling, in dem er Kulturen und Zeitepochen ungeniert miteinander vermischt, platziert er vor eine türkische Festung. Im kritisch-spielerischen Dialog der Bildelemente lässt er den Widerspruch von Schein und Sein aufblitzen, der auch die Ambivalenz der Vogelmänner-Tradition nicht auflösen will, sondern sie vielmehr als Wesenszug des Weltgeschehens bestehen lässt.
Ein konzeptuelles Verschränken mehrerer Bildebenen kennzeichnet das Geschehen bei Roland Stratmann. Die sorgfältig ausgewählten, ursprünglich aus der Türkei versandten Postkarten, die er zusammenfügt, bergen als Bildträger bereits unterschiedlichste Erinnerungen und Wesenszüge. Hierauf zeichnet der Künstler zwei ausgestopfte Fasanen, deren ursprüngliches Verbreitungsgebiet Mittelasien ist. Vielfältige soziokulturelle Anspielungen lassen sich entdecken, die man auf ein Nachdenken über die Vogelmänner-Tradition übertragen kann. Die männlichen Fasanen haben ein farbenprächtiges Gefieder, die Weibchen ein Unscheinbareres, und zum ausgesprochenen Jagdtier ist der Fasan erst durch seine Einbürgerung in die USA und Europa geworden. Der grafische Schriftzug, einem Postkartentext entnommen, spielt auf die Hektik unserer Welt an. Für das Wesentliche ist selten Zeit, wobei die Vogelmänner mit gutem Beispiel vorangehen und sich den Freiraum für ihre Passion nehmen.
Die surreale Kombination der Bildelemente in Maik Wolfs „Prognosticon“ wirft uns in die Unerklärbarkeit des Weltenlaufs. Das kleine vogelhausähnliche Gebäude auf einer gewagten Konstruktion an einer Stange balancierend, ist von einer leuchtenden Farbfläche umgeben wie von einer auratischen Sphäre. Doch das Gegenelement mit dem großen Vorsicht-Zeichen gebietet uns aufzupassen, Zukünftiges kann auch mit Gefahren verbunden sein und welche Entwicklungen stattfinden werden, kann entgegen dem verheißungsvollen Titel nicht wirklich prognostiziert werden. Der bildnerische Projektionsraum ist geprägt von Einsamkeit, Paradoxie und einer Mischung aus Alltagswelt und Science-Fiction. Die Vogelmänner wären hier weder Romantiker noch Melancholiker, sondern ergäben sich spielerisch einer Erkenntnis von Ratlosigkeit.
Zwischen Gefahr und Übermut taumeln die nackten Männerkörper in Norbert Biskys „Vulkanismus“ in einen Zwischenraum. Die eruptiven dunkelblauen Aquarellmassen setzt der Künstler mäandernd und mit Aussparungen arbeitend, gekonnt auf das weiße Blatt. In die so entstandenen Freiflächen stürzen sich die sinnlich athletischen Männerkörper mit ausgebreiteten Armen, als würden sie ihren Traum vom Fliegen leben. Ob sie sich vor dem dunklen Magma im freien Fall retten werden, oder ob es ein Höllensturz wird, bleibt offen. Ein Versuch ist es allemal wert, die Freiräume zu nutzen, in andere Welten vorzudringen.
Freiheit des künstlerischen Ausdrucks ist der Schlüssel zu A. R. Pencks Werk, das einem Konvolut von Papierarbeiten von 1975 meiner Sammlung entnommen ist. Penck, der mich in unserer Zusammenarbeit durch seine unglaubliche Kraft, Unbeirrbarkeit und Freiheit im Denken sehr beeindruckt hat, legt bereits in diesen frühen Arbeiten ein Zeugnis seiner unermüdlichen Neugierde und Experimentierfreudigkeit ab. Fern seiner Chiffrensprache mit der Standartfigur erobert er das Papier losgelöst von Denk- und Vorstellungsmustern. Mit impulsiver malerischer Geste und dem zarten Ineinanderfließenden der Aquarellfarben schafft er ein Bild von bestechender Vitalität. Hätte man Penck zu der Tradition der Vogelmänner befragt, hätte er sicher ganz stoisch geantwortet: „So ist der Mensch nun mal, da kann man nichts machen. Er liebt die Vögel, will sie aber gefangen halten.“
Spröde und kantig kommt der aus der Zeit gefallene junge Mann in Lubomir Typlts künstlerischem Universum daher. Schonungslos wirft der Maler mit seiner expressiven lauten Farbigkeit einen Blick auf den Menschen, der von einer violetten Linie in zwei Hälften geteilt wird, als könne er nicht mehr Eins sein. Er fletscht die Zähne und von ihm ist keinerlei angenehme menschliche Regung zu erwarten. Machtgebaren und Brutalität sind in seiner Welt maßgeblich. Typlt wirft einen harten Blick auf die Welt, in der es keinen Raum für Träume und Utopien gibt. Der Mensch scheint seine Fähigkeit zu lieben und Vögeln zu lauschen, komplett von sich abgespalten und damit verloren zu haben.
In der Tiefe des Blaus steht die mächtige Statur eines Philosophen in Said Baalbakis Bild mit dem Blick des Skeptikers vor einem bemalten Paravent wie vor einem Weltenpanorama. In der Gestalt des Kuckucks, der seine Eier nicht selbst pflegt, sondern sie anderen zum Brüten ins Nest legt, wird deutlich, dass auch in der vermeintlich heilen Vogelwelt nicht alles zum Besten bestellt ist. „Der Beobachter“ lässt sich nicht von der Oberfläche täuschen, er schaut auf den Grund der Erscheinungen. Die gemalte Naturszenerie auf dem Paravent, wie auf einem Bild im Bild, verspricht Poetisches und Idyllisches, doch der Bärtige mahnt uns, nicht zu sehr in Träumereien zu verfallen und die Wirklichkeit im Blick zu behalten. Doch dann stechen zwei orangefarbene Farbtupfer trotzend wie kleine helle Lichter aus dem Dunklen hervor.
Von einnehmender Präsenz ist das Papierobjekt von Ali Kaaf, der ausschließlich mit der Farbe schwarz agierend, nach den Tiefen der Existenz sucht. Aus Fragmenten seiner Foto- und Tuschearbeiten, die bereits das Ergebnis vielfältiger Schichtungen und der Bearbeitung mit Schnitt und Feuer sind, schafft er in einem weiteren Prozess eine neue äußerst fragile Arbeit. Damit betont er das Ineinanderfließen von Unterschiedlichem, das keine scharfen Abgrenzungen kennt und zu einem vielschichtigen Ganzen, einem neuen (Gedanken)raum wird. Nicht nur mit diesem philosophischen Ansatz schließt sich der Bogen zu den Vogelmännern. Konkret kann man an ein aufgehängtes Tuch denken, das aus vielen unterschiedlichen Stoffen zusammengesetzt ist, Erinnerungen und Leben bergend – möglicherweise ein Tuch, mit dem ein Vogelkäfig verhüllt wird.
Die Poesie und das Schöpfen aus unterbewussten Schichten kennzeichnen die Aquarell- und Tuschearbeiten von Cornelia Schleime. Wie ihre in sich gekehrten Frauenfiguren folgt sie traumwandlerisch einem inneren Pool von Bildern und Sehnsüchten. Es entsteht eine eigenwillige Motivik, die zwischen Fragilität und Selbstbestimmtheit oszilliert. Mit geschlossenen Augen reitet die Frauengestalt in koketter Haltung und verführerischem Outfit auf dem einzigen Vogel, der nicht fliegen kann. Festlegungen gibt es keine bei der Künstlerin, mit einer spielerischen Offenheit will sie der Kunst und dem Leben begegnen. Sie stünde den Vogelmännern zur Seite, denn einer Leidenschaft kompromisslos zu folgen, stieße bei ihr auf größtes Verständnis. Als wir über das Ausstellungsthema sprachen, brachte Schleime sofort die mit Federn präparierten Fische ins Spiel, die sie im Jahr 2000 geschaffen hatte und wünschte sich, dass einer davon mit in die Ausstellung käme. Im Spiel der Verwandlung, das ihrem Werk immanent ist, steckt sie einem präparierten Barsch in einem komplizierten und kraftaufwendigen Verfahren bunte Vogelfedern an. In diesem Transformationsprozess überwindet sie bestehende Tiergattungen und schafft Geschöpfe, die ihrer eigenen Imagination entspringen, als wollte sie sagen: „Auch Fische wollen manchmal fliegen.“ Die Kunst wird zu einem Freiraum, in dem alles denkbar ist, um über die Realität hinauszuwachsen. Der Künstler „…kann Bilder hervorbringen…, das bedeutet sich von jeglichen Fesseln zu lösen, die das Wissen und dessen logische Zusammenhänge ausmachen.“ (3)
So haben alle 23 beteiligten Künstlerinnen und Künstler ihr Werk zu einem Thema geschaffen, das angreifbar und anrührend zugleich ist. Ich danke allen Beteiligten herzlich für die Vielfalt ihrer Arbeiten, für ihre Anregungen und für ihre Freundschaft. „Der Gesang der Vögel ist ein komplexes Lied, man braucht ein ganzes Leben, um es zu verstehen.“ (4) Dasselbe gilt für jedes der hier ausgestellten Kunstwerke.
Manches hat sich in den vergangenen 30 Jahren in der Kunstwelt verändert, auch der Kunstbegriff ist ein anderer geworden. Für mich ist und bleibt die Kunst mit Utopie, Poesie und Freiheit verbunden: „Denn Kunst ist nicht das unmittelbare Leben und hat auch keine unmittelbaren Folgen für das Leben. Hier kann gehandelt, gezeigt, gesprochen werden, ohne dass es direkte Konsequenzen hätte – weder positive, noch negative. Nur weil sie vorläufig bleibt, in der Schwebe, kann es ihr gelingen, von den Zwängen und Gesetzen der Wirklichkeit abzusehen, die Welt unbegrenzt erkunden zu dürfen.“ (5)
Christiane Bühling
(1) Matthias Stuchtey, aus einer Email vom 12.6.2019
(2) Franziska Reinbothe, aus einer Email vom 18.6.2019
(3) Cornelia Schleime, „In der Liebe und in der Kunst weiß ich genau, was ich nicht will“, Kerber Verlag Berlin/Leipzig/Bielefeld, 2010, S. 94
(4) Tillmann Prüfer, „Die haben einen Vogel“, in: ZEIT MAGAZIN n°49, 3.12.2015 , S.58
(5) Hanno Rauterberg, „Und das ist Kunst?!“, Fischer Verlag Frankfurt a.M., 2007, S. 143