Schildkrötenmeditation
Das Bild von den Schildkröten wird bleiben, wird mit mir nach Hause reisen im Herzen verstaut nicht im Koffer luftdicht verpackt. Nachhaltiger als jedes Souvenir aus Stein, Porzellan oder Plastik wird es überdauern.
Wir sitzen am Rande eines natürlichen Meerwasserbeckens und füttern die Green Turtles mit Algen. Langsam gleitende Bewegungen von drei bis vier Schildkröten übereinander. Kurz den Kopf aus dem Wasser, um die Algen zu schnappen, nicht einmal hierbei hektisch. Wunderschöne Muster auf dem Kopf, fast wie bei einer Giraffe. Die Urzeit schwimmt auf uns zu, es gibt Dinge, die bleiben gleich. Selbst vor tausend Jahren scheinen sie nicht anders ausgesehen zu haben, das beruhigt, wirft einen zurück an den Anfang, der gleichzeitig das Ende ist. Das Friedliche, ungemein Genügsame, nicht Manipulierbare strahlt Ruhe, Sicherheit aus. Wie oft suchen wir das in unserem hektischen Alltag, müssen uns Auszeiten erkämpfen, frei schwimmen. Sollten wir die Stille doch einfach immer in uns haben, gleiten, nicht rennen und hetzen. Es gab den Moment beim Schauen auf dieses friedvolle paradiesische Bild, dass ich das Gefühl hatte, mir liefen Tränen über das Gesicht. Ergriffenheit, Rührung, dass es das gibt, wonach ich mich sehne. Hier sehe ich das Bild für mein inneres Verlangen wie eine Offenbarung.
Die Steiff-Schildkröte meiner Kindertage von meiner Oma mit dem Kunststoffpanzer, der über die Jahrzehnte nun beginnt auseinander zu bröseln. Diese Schildkröte steht noch bei mir im Bücherregal. Meine farbige Puppe, die meine Kindheit begleitet hat, meine Afrikabücher in Jugendtagen. Nun erst erfüllt sich der Wunsch, alles hat seine Zeit, den richtigen Moment. Loslassen, warten können. Das lehrt Afrika.
Leichtfüßig durchs Leben mäandern, die Flossen bedacht bewegen, vorankommen mit Leichtigkeit, nicht stürzen oder fliehen. Noch dazu einen dicken Panzer als Schutz. Nur wenn sie klein sind, aus dem Ei brechen, müssen sie ums Überleben kämpfen. Keine Mutter, die sie behütet, sie ins Leben einführt. Mutterseelenallein müssen sie den gefährlichen Weg vom Strand zum Meer finden, sonst sind sie verloren. Bei uns ist es umgekehrt, wir werden zunächst behütet, der Kampf beginnt erst später.
Kopf ein wenig aus dem Wasser gestreckt, dann wieder lautlos, seelenruhig untertauchen, Wasser sprudelt sanft durch die Nase und wieder bedächtig unter Wasser tauchen. Sich dem Rhythmus der Zeit fügen, sich in ihm aalen, in ihm durchs Leben schweben, ihn eindringen lassen in die tiefste Stelle unserer Seele, ihn annehmen und einverleiben wie das eigene Kind.
Stillstand und Bewegung in Einem, nicht entweder oder. Kein Rechts, kein Links, Fließen in eine unbestimmte Richtung, die kein voll automatisiertes Navigationssystem kennt, nur die innere Kompassnadel zeigt den Weg. Ich lege den Schildkrötenpanzer der Erinnerung an, der mich schützen soll von mir selbst abzukommen.
Auszug aus dem Reisetagebuch Sansibar, Oktober 2009